Stuttgarter Frühlingsfest 2022
16.4. – 8.5.22


Er gab den einen Traditionsbetrieb auf, um einen anderen zu übernehmen. Statt Boxautos betreibt Nico Lustnauer mit seiner Frau Veronika seit letztem Jahr das traditionsreiche Schwarzwaldhaus „Zum Schwarzwaldmädel“.

„Das kann ja nur, ja, das kann ja nur das Schwarzwaldmädel sein“ heißt es nicht nur im berühmten Schlager über die „liebe kleine Schwarzwald­marie“, es könnte auch Nico Lustnauers Antwort auf die Frage: „Wofür würden Sie ihren eigenen Traditionsbetrieb aufgeben?“ gewesen sein.


Aber von vorne: Ab 1950 waren der Schwarzwald und die Bollenhut-Tracht durch den Operettenfilm „Schwarzwaldmädel“ in aller Munde, er löste damals einen regelrechten Heimatboom aus. Vermutlich angeregt durch dieses Massenphänomen, gestaltete Familie Dingeldein 1954 ­einen Imbissstand nach dessen Vorbild. Liebevoll wurde ein Anhänger mit typischen Schwarzwälder Motiven versehen – allen voran die beiden Figuren in Tracht auf dem Schindeldach –, und darin gab es die Spezialitäten aus dem Schwarzwald zu kaufen. Schwarzwaldidylle gewissermaßen als Gegenpol auf dem Rummel, das kam an. Auf dem Cannstatter Wasen und auch auf anderen Volksfesten in der Republik. In den vielen Jahren entwickelte sich „Zum Schwarzwaldmädel“, wie die Restauration eigentlich heißt, die von vielen einfach „Schwarzwaldhaus“ genannt wird, zum beliebten Traditionsbetrieb. Und der historische Wagen besteht noch heute.




Freud und Leid im Sorgenbrecher-Stüble

Nicht nur bei den Wasenbesuchern fanden sich viele Stammgäste, auch die Schausteller lernten diesen Betrieb zu lieben. Denn im Verborgenen, im privaten Bereich des Schwarzwaldhauses, gibt es eine kleine, urige Stube mit zwei Tischen, die trägt den verheißungsvollen Namen „Sorgenbrecher-Stüble“. Das hat sich mit den Jahren als Rückzugsort für die Schausteller entwickelt, hier waren sie unter sich, hier gab es immer jemanden zum Quatschen, hier wurden Freud und Leid geteilt. „Wenn diese Stube sprechen könnte, könnte ich Bücher schreiben über die Geschichten, die sich hier schon zugetragen haben“, meint der neue Wirt Nico Lustnauer lachend.

Sein Vorgänger, Peter Dingel­dein, kündigte letztes Jahr das Ende an. Seine Söhne konnten sich für den Schaustellerberuf nicht begeistern, so ging er in den wohlverdienten Ruhestand und suchte einen Nachfolger. Für Schausteller Nico Lustnauer und seine Frau Veronika war es die Gelegenheit. Das Schwarzwaldhaus hatte schon immer sein Herz erwärmt. „Hier steckt so viel Geschichte drin“, schwärmt er, „außerdem hatten wir ohne­hin schon mit dem Gedanken gespielt, uns umzustellen und statt des Fahrbetriebs uns eher der Gastronomie zu widmen.“

Retter des Schwarzwaldhauses

Bisher betrieben die Lustnauers nämlich einen anderen Traditionsbetrieb, der ebenfalls vom Cannstatter Volksfest nicht wegzudenken ist und der bei vielen Besuchern Jugenderinnerungen auslöst: Wer stand damals nicht bei den Boxautos von „Karat 2000“? Das war einst der Treffpunkt, sehen und gesehen werden, cool sein, das andere Geschlecht „ab­checken“. Seit 1946 gab es den Betrieb der Firma Weber schon, den die Lustnauers nun gegen das Schwarzwaldhaus eintauschten. Die Schausteller auf dem Wasen jedenfalls waren froh über Lustnauers Entscheidung und dass es das Schwarzwaldhaus mit seinem „Sorgenbrecher-­Stüble“ weiterhin geben würde, ja sie feierten ihn als den Retter des Schwarzwaldhauses und widmeten ihm reihenweise Gedichte und Ehrentafeln. Einige hängen nun in der berühmten Stube und Lustnauer selbst freut sich über seinen neuen Betrieb.

Sein Publikum ist ein eher gehobenes, das Wert auf gute Qualität legt. Die bietet er auch. Alle Waren sind original aus dem Schwarzwald. Hier hat er für jedes Produkt seinen speziellen Lieferanten, bei dem er weiß, hier stimmt die Qualität. Egal ob nun der abgehängte, gerauchte Schwarzwälder Schinken, den er einmal im Frühjahr für das ganze Jahr beschafft, weil der im Frühjahr produzierte besser schmeckt als der vom Herbst; ob die Leberwurst, die Hartwürste, die Weine aus dem Glottertal oder die 50 Schnapssorten aus Oberkirch in der Ortenau. Zudem wird im Imbiss vieles selbst hergestellt, wie zum Beispiel Saucen, Kartoffelsalat, Knödel oder Fleischküchle.  

Zum Sitzen und Verweilen gibt es einen gemütlichen Biergarten. Hier ist es gesellig, ein Plätzchen, das viele schätzen, um sich dem grellen Volksfesttrubel für eine kurze Auszeit zu entziehen. Je nach Größe des Platzes sorgen 10 bis 50 Mitarbeiter für das Wohl der Gäste.

Nicht nur auf dem Cannstatter Wasen finden die Schwarzwälder Spezialitäten der Lustnauers Anklang. Unter anderem auch auf Jahrmärkten in Kaiserslautern, Speyer, Worms, Bad Kreuznach oder Darmstadt und auf dem Ludwigsburger Weihnachtsmarkt schaut man gerne mal „beim Schwarzwaldmädel“ rein.

Von Florian Baitinger – Cannstatter Volksfestzeitung 2017

 
 
 
 
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